Götzis Etwas übernächtigt schauen die beiden Fans aus der knapp 2000 Kilometer entfernten estnischen Hauptstadt Tallinn unmittelbar vor Beginn der Wettkämpfe beim Hypomeeting doch noch aus: „In unserem Hostel in Feldkirch war die ganze Nacht die Hölle los. Wir haben zwei Stunden geschlafen und sind dann direkt mit dem Zug hierhergefahren. Das Frühstück haben wir ausgelassen, es blieb nur Zeit für eine kurze Dusche“, fassen sie die kurze Nacht zusammen. Es habe sich aber auf jeden Fall gelohnt, „wir könnten es uns nicht verzeihen, wenn wir dieses Mega-Event hier auslassen würden. Für Österreich behalten wir uns jedes Jahr gerne die Urlaubstage auf.“

 

Zum 27. Mal bereits in Götzis

Mit dieser Einstellung sind sie sicherlich nicht die Einzigen. Eine etwa gleich weite Anreise hatte auch der 50-köpfige Fanclub des Schweden Fredrik Samuelsson aus Stockholm. Mit Perücken, Tröten und kleinen Fähnchen in den Landesfarben seien sie bereits vor einer

Woche „to the beautiful Götzis“ angereist, weswegen sie auch ausgiebigst Zeit hatten, alle gemeinsam das Ländle zu erkunden. Bis nach Lech und auf den Pfänder seien sie gekommen. Und das bereits zum 27. Mal in der exakt gleichen Gruppenkonstellation, was sie auch liebend gerne mit dem Herzeigen von 27 Gruppenfotos im Stadion aus 27 Jahren beweisen: „Wir blockieren jedes Jahr aufs Neue die Autobahnen zwischen Schweden und Österreich, weil wir mit neun Wohnwagen anreisen.“ Langweilig werde es mit den „always open minded and friendly“ Vorarlbergern aber auf gar keinen Fall. Denn es sei doch ein ganz besonderes kleines Völkchen.

Zu unterschätzen ist der Faktor der Fans auf den Grünflächen rund um die Laufbahn des Möslestadions also auf gar keinen Fall. Die Athleten dürfen sich ihre eigenen Lieder für ihre Versuche beim Hochsprung, beim Kugelstoßen oder bei den anderen Bewerben aussuchen. Und die Fans, egal welchem Fanclub sie angehören, singen fleißig mit. Zu Beginn jedes Bewerbs ertönt eine Sirene im Stadion, auf welche die Tausenden Zuschauer mit einem lauten „Olé“ antworten, um den Sportlern den letzten Schwung mitzugeben. Und das, was die britische Siebenkämpferin Katharina Johnson-Thompson besonders gerne bei ihren Hochsprüngen hörte, ist das kollektive Einklatschen eines jeden Versuchs. Und es wird immer applaudiert. Egal ob ein Versuch missglückt oder ob es sich wieder um eine neue Bestleistung handelt. So fair sind die Fans aus aller Herren Länder.

 

Vorarlberger ein besonderes Volk

Wenn man all das zusammenfasst und sich vielleicht auch selbst unter die Fans im Möslestadion in Götzis mischt, kann man auf jeden Fall verstehen, weshalb die Schweden bei den Vorarlbergern von einem besonderen „Völkchen“ sprechen. Denn die Stimmung beim Hypomeeting, die ist schon etwas Besonderes und einzigartig.

 

Dieser Text erschien zuerst am 28.05.2019 in den Vorarlberger Nachrichten.