ORF 2 – „Im Zentrum“: Zu Gast zum Thema „Jung und alt“

Am 23. November 2020 war ich in ORF 2, in der Sonntagabend-Sendung „Im Zentrum“, bei Claudia Reiterer zu Gast. Gemeinsam mit Melisa Erkurt, Chris Lohner, Franz Kolland und Peter Schröcksnadel habe ich über das Thema „Schürt Corona den Generationenkonflikt?“ diskutiert. Den Pressetext lesen Sie hier. Kritiken zur Sendung finden Sie unter dem eingebetteten Video.

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Die Presse – Verzichtbares „Im Zentrum“: Wer will in dieses Boot?

Die Solidarität unter den Generationen, der Konflikt „Alt gegen Jung“ war gestern Thema bei „Im Zentrum“. Man hörte dabei wenig bis gar nichts Kluges.

Die Einladungspolitik des ORF gibt nicht selten zu denken. Auch am Sonntagabend haben sich wohl viele gefragt, was der tiefere Grund für die – nennen wir es mal illustre – Mischung an Menschen war, die „Im Zentrum“ über den Generationenkonflikt sprechen sollte. Und über die Frage, ob Corona einen solchen schüren würde. An sich ein spannendes Thema, das vielfach vermieden wird.

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Zu Gast waren nun bei der Diskussion über Jung und Alt vor allem Menschen jenseits des Pensionsalters. Etwa eine sehr aufgeregte Chris Lohner, „der Präsident“ Peter Schröcksnadel und Franz Kolland, Generationenforscher mit großväterlichem Gestus. Das ausgestellte Exemplar des jungen Menschen war ein lieber Zivildiener, der 18-jährige Maximilian Werner. Komplettiert wurde die Runde von ORF-Redakteurin Melisa Erkurt, die ein Buch über die bildungsferne migrantische Jugend geschrieben hat. Natürlich hätte man einen von ihnen einladen können, statt darüber zu sprechen, dass sie keine Stimme haben. Aber was würde ein solcher Teenager denn sagen? Vielleicht etwas Unpassendes oder gar Schockierendes? Das überließ man doch lieber Peter Schröcksnadel, dem Präsidenten des Österreichischen Skiverbands. Dafür war er ja wohl auch eingeladen – und er blieb nicht hinter den Erwartungen zurück. Nur vielleicht auf andere Art als gedacht.

Das Problem an Corona sei die Angstmache von Regierung und Medien, sagte er. Man würde bei Corona „sehr, sehr stark übertreiben“. Die Lösung: zusammenhalten und „aufeinander zugehen“ (eine vielleicht nicht ganz durchdachte Formulierung), dann könne „gar nichts passieren“. Mit „ich will gar nicht geschützt werden“, gab er eine Haltung wieder, die sicher viele ältere Menschen teilen, die aber halt auch keine Lösung des Problems ist. Und später in der Sendung: „Die Totenzahlen sind ja nicht so hoch. Wenn ich heute überlege, wie viele an Krebs sterben, an Herzinfarkt sterben, dann ist Corona untergeordnet.“ Woraufhin Moderatorin Claudia Reiterer, sichtbar konsterniert, „es etwas konstruktiver angehen“ wollte.

Was, Spoiler, nicht funktionierte. Wenig bis gar nichts Kluges hörte man an diesem Sonntag „Im Zentrum“. Jeder stellte seine Position aus, man beäugte einander dabei kritisch. Lohner und Schröcksnadel stritten darüber, wer als junger Mensch eine „wildere Hummel“ oder ein „wilderer Hund“ war. Einig waren sich die beiden nur darin, dass die Regierung die Gesellschaft absichtlich spalte. Der Generationenforscher warf noch ein, dass Junge und Alte „unterschiedliche Situationen“ erleben würden, Erkurt argumentierte, dass besonders sozial Schwächere betroffen seien. Und der 18-jährige Werner versuchte, ein paar Probleme aus Sicht der Jungen zu schildern, woraufhin Lohner alles mit „Empathie und Wärme“ lösen wollte. Das ORF-Urgestein forderte gefühlte 32 Mal, dass man „die Jungen ins Boot holen“ müsse. Dieses Boot, falls man es sich bildlich vorstellt und die Runde der anwesenden Diskutanten hineinsetzt, dürfte wohl wenige Menschen locken. Die Gesellschaft, so darf man hoffen, bekommt es besser hin als die Runde bei „Im Zentrum“.

 

Dieser Text erschien zuerst am 23.11.2020 in Die PresseEr wurde von Rosa Schmidt-Vierthaler geschrieben und ist weiterhin abrufbar.


Kurier – Corona-Diskussion im ORF: „Ich war ein wilder Hund mit einem Schlurf“

In der Talksendung „Im Zentrum“ diskutierten Ältere wie Peter Schröcksnadel und Jüngere wie Maximilian Werner über mögliche Generationenkonflikte durch die Pandemie.

*Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.*

Inwiefern schürt die Corona-Krise auch einen Generationenkonflikt zwischen Jung und Alt? Diese Frage stand am Sonntagabend im Zeichen der ORF-Talksendung „Im Zentrum“.

Man kann gleich verraten: Wirklich nahe sind sich die anwesenden Vertreter der Generationen nicht gekommen, auch wenn der Zusammenhalt in der Gesellschaft in gefühlt jedem zweiten Satz betont wurde.

Generationenforscher Franz Kolland fasst die Lage zu Beginn zusammen. Er sei „sehr überrascht“ gewesen, in der ersten Phase der Pandemie eine starke Empathie, Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft vorgefunden zu haben. Im Laufe der Krise sei aber ein „Empathiestress“ aufgetreten, „der zu einer gewissen Gleichgültigkeit geführt hat“. Im Sommer sei zum Beispiel der Vorwurf aufgetreten, „die Jugendlichen feiern zu viele Partys“. Es habe eine gewisse „Moralpanik“ gegeben. Das habe sich wieder beruhigt, nun im zweiten Lockdown im Herbst „sehen wir einen zunehmenden Zynismus“, sagt Kolland.

Es würden Widersprüche auftauchen: „Manche sagen, ‚diese oder jene Maßnahme nützt den Eliten, mir nützt es nicht`.“ Es gehe oft um kleines Geschäft, das zusperren muss versus großer Internetriese, der Geschäfte machen darf. Daraus entstehe Zynismus.

„Man könnte sagen: Vom Wir-Gefühl zum Ich-Gefühl“, fasst Moderatorin Claudia Reiterer zusammen.

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Risikogruppe und doch nicht

Peter Schröcksnadel, für denkwürdige Fernsehauftritte berüchtigter und vor allem langjähriger Präsident des Österreichischen Skiverbandes, zählt sich selbst zur Risikogruppe, und kann der Diagnose einer beginnenden Spaltung nicht beipflichten. Kontrollgruppe ist seine eigene Familie. Dort sei einmal eines seiner 16 Enkerl krank geworden, es sei getestet worden und dann konnte das Enkerl mit dem negativen Test seine Großeltern besuchen, berichtet Schröcksnadel.

Also alles in Ordnung an dieser Front.

Der 79-Jährige spricht sich dagegen aus, einen Keil zwischen die Generationen zu treiben. Dies geschehe insofern, als Panik verbreitet werde.

Jetzt sagt Schröcksnadel, er fühle sich „nicht zur Risikogruppe hingezogen. Es kommt nicht darauf an, wie alt du bist, sondern darauf, wie gut du körperlich beinander bist.“ Man solle nicht alles in einen Topf werfen.

„Auch im Skiverband habe ich viel zu tun mit jungen Leuten, mit Sportlern von 15 bis 40. Wir haben den besten Kontakt, da gibt es gar keine Probleme“, sagt der Präsident. „Wir testen durchaus, wir haben eine sehr niedrige Rate an Kranken. Ich glaube, das lässt sich bewältigen, ohne einen Konflikt hinein zu dividieren.“

Nicht nur Dividieren hat Maximilian Werner (18) in der Schule gelernt, auch viele andere Dinge, weshalb er dieses Jahr mit Matura abschließen konnte. Derzeit ist er Zivildiener, auf Twitter ist er als MaxlWerner schon länger bekannt, vor allem für seine Jugend, für seine Funktion als Stadionsprecher von Rankweil und für seinen bestandenen Nachzipf im Jahr 2018, als sogar der Bundespräsident und Armin Wolf gratulierten.

Von Reiterer wird Werner auf ein Zitat von Psychiater Reinhard Haller angesprochen. Dieser sagte kürzlich, die heutige Jugend dürfe sich nicht so verweichlicht zeigen und äußern, gewisse Maßnahmen seien ihnen nicht zumutbar. Das seien doch keine Warmduscher, die nicht auf Partys verzichten können.

 

Die Jugend und Kroatien

„Ich war überrascht, als ich das gelesen habe“, sagt Werner. „Man hat immer gesagt, man soll darauf schauen, dass die Gesellschaft zusammenhält und man Einigkeit repräsentiert. Bei diesem Interview hat man aber gemerkt, wie von verschiedenen Seiten versucht wird, einen Streit hineinzubringen.“ Gewisse Gruppen würden beschuldigt, die Infektionen anzutreiben. „Im August gab es Aussagen, wonach die jungen Menschen alle aus Kroatien positiv zurückkommen, weil sie dort alle am Feiern waren.“

Man solle zusammenhalten, findet Werner. „Ich finde es gut, wenn man auch als junger Mensch sagen kann, dass man soziale Bedürfnisse hat. Dass man die Lust verspürt, sich mit Leuten zu treffen, dass man das auch vermisst. Ich finde nicht, dass man dadurch zu einem Warmduscher wird.“

 

Die junge Hummel

Chris Lohner, Schauspielerin, Autorin und überhaupt Fernsehlegende, muss jetzt einmal etwas Prinzipielles sagen. Nämlich, „dass man die Jungen nicht ins Boot holt.“ Österreich sei ein Land, „in dem man seit einiger Zeit ständig spaltet, weil es praktisch ist. Wenn man kleine Gruppen hat, kann man die besser manipulieren. Corona ist willkommen für solche Geschichten.“

Sie weigere sich auch, mit ihren 77 Jahren zur „vulnerablen Gruppe“ gezählt zu werden. Das sei eine „Beschimpfung und Stigmatisierung“.

Deshalb habe sie die Jungen auf Facebook um Folgendes gebeten: „Ich war auch einmal eine junge Hummel, ich hab nichts ausgelassen, wild gefeiert, ich weiß genau, wie es euch geht. Aber jetzt geht es um etwas anderes, es geht auch um euch. Wenn ihr einen Mopedunfall habt und auf eine Intensivstation müsst, dann liegt da vielleicht schon in jedem Bett ein Corona-Patient. Da wird man nicht viel älter werden.“ Man müsse die jungen Leute motivieren, „man kann mit ihnen reden“, sagt Lohner.

„Ich finde ja, weder jung sein noch alt sein ist ein Verdienst. Der Vorteil, den ich den Jungen gegenüber habe, ist zu wissen, wie es ist, wenn man jung ist. Die Jungen wissen aber nicht, wie es ist, wenn man alt ist. Wir müssen sie ins Boot holen, aber keine Schuldzuweisungen mit dem Finger“, sagt Lohner.

 

Die Probleme der Jungen

Melisa Erkurt (29), früher Lehrerin, jetzt Autorin und Journalistin, wird befragt. Sie sei immer wieder digital in den Klassenzimmern gewesen, habe eine Podcast-Serie mit Schülern gemacht, erklärt Reiterer. Erkurt findet es beeindruckend, wie junge Leute „die Maßnahmen von Anfang an mitgetragen haben.“ Dabei seien junge Leute in der Pubertät nicht bekannt dafür, sich an Autoritäten zu halten.

Jetzt überwiege trotzdem ein Gefühl der Angst. Verwandte würden sterben, es werde aber nicht darüber gesprochen, zumindest nicht von den Jugendlichen selbst.

Alle würden sich in der Öffentlichkeit zu Schulschließungen äußern, sogar Star-DJ David Guetta. „Aber wie geht es den jungen Menschen“, fragt Erkurt. „Ist das Distance Learning in Ordnung für sie?“ In den Podcasts höre sie oft, dass sie Angst haben, keinen Job zu finden. „Viele sagen, sie kennen nur noch Krise. Klimakrise, Coronakrise …“

Lohner, die das, was Erkurt macht, „großartig findet“, fällt der jungen Journalistin ins Wort, um zu bekräftigen, dass man mit der Jugend reden müsse. Dann aber auch bitte nicht ins Wort fallen.

 

Die Grippe

Trotzdem geht es mit den Alten in der Runde weiter. Reiterer: „Herr Schröcksnadel wollte was sagen, bitte …“

Die Angstmache sei das Problem, sagt der ewige ÖSV-Boss. Die Regierung mache „sehr viel Angst. Und die Presse und die Journalisten schreiben, was die Regierung vorgibt.“

„Dagegen muss ich mich jetzt natürlich stark verwehren“, sagt Reiterer.

Schröcksnadel darf aber natürlich weiter reden: „Ich bin Gott sei Dank so alt, die Frau Lohner ist sogar etwas jünger als ich …“

Was soll das jetzt heißen? Sogar die Frau Lohner? Wie uncharmant. Frau Lohner hat kein Alter. Aber niemand unterbricht Schröcksnadel.

„Ich habe eine Grippeepidemie miterlebt, ’58, ’59, ’68, ’70“, sagt Schröcksnadel.

Wir halten bei 13 Minuten. Das Wort Grippe fällt zum ersten Mal.

„Oje“ sagt jemand in der Runde.

„… 40.000 Leute sind damals in Deutschland gestorben“, fährt Schröcksnadel fort. „Und heute sagt man, es sei die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Ich finde, dass man hier sehr stark übertreibt.“

Sein Rezept: „Wir müssen zusammenhalten. Wenn jeder auf sich und auf die anderen Rücksicht nimmt, wenn man aufeinander zugeht, dann kann uns nichts passieren.“

Es scheint in den vergangenen Wochen gerade das Problem gewesen zu sein, dass die Leute zu sehr aufeinander zugehen, ohne einen Babyelefanten dabei zu haben.

 

Der Schlurf

Aber Schröcksnadel, einmal in Fahrt, lässt sich schwer aufhalten: „Ich muss ja nicht überall hingehen, in jedes Theater oder auf den Fußballplatz, wenn ich nicht will. Ich kann mich selber schützen. Ich kann auch von jungen Leuten fernbleiben, wenn ich will.“ Er tue es nicht. Er vertraue den jungen Menschen, dass sie sich „ordentlich verhalten“.

„Ich war auch einmal jung, so wie Sie, Frau Lohner“, sagt Schröcksnadel zur ewig jungen Chris Lohner.

Lohners Revanche: „Sie waren anders jung. Ich war eine wilde Hummel. Sie waren sicher keine wilde Hummel.“

Schröcksnadels Konter: „Ein wilder Hund war ich, mit einem Schlurf hinten. Wir haben Rock’n Roll gehabt, wir haben Flower Power gehabt.“

Es besteht der Verdacht, dass sich junge Menschen von Leuten, die einen „Schlurf“ und „Flower Power“ als Coolheitsmerkmale anführen, eher freiwillig fern halten. Problem somit gelöst.

Immerhin: Schröcksnadel wünscht der Jugend „eine angstlose Zeit“.

Generationenforscher Kolland akzeptiert die Idee des Zusammenhalts, „das ist unbestritten.“ Aber zum Glück nimmt er folgende Differenzierung vor: „Jung und Alt sehen die Dinge anders.“

Das mit dem Schlurf ganz bestimmt.

Ein 18-Jähriger erlebe die Pandemie anders als ein 70-Jähriger, meint Kolland, „diese Verschiedenheit gilt es zu akzeptieren. Oder zunächst einmal zu sehen.“ Es werde dazu kommen, dass die Generationen mehr an Identität entwickeln, je länger diese Krise dauert, die Krise schaffe „mehr Identität“. Es werde Corona-Jahrgänge geben, die in ihren Lebensmöglichkeiten eingeschränkt sind, „wo Sie dann erhöhte Arbeitslosigkeit haben“, erklärt der Forscher. „Ein 70-Jähriger steht nicht vor der Arbeitslosigkeit. Und wenn wir sagen, wir sollen zusammenhalten, dann muss man immer sagen: Wer hält mit wem zusammen? Ich muss auch an der Lebenssituation etwas ändern, sonst ist der Zusammenhalt nur ein Appell.“

Lohner: „Aber da kommt die Empathie herein.“ Sie und die Herzenswärme sei die Grundlage für den Zusammenhalt.

Werner bestätigt, „dass wir in einer turbulenten Zeit leben.“ Man habe ihm immer gesagt, „dass der Sommer nach der Matura der Sommer deines Lebens ist. Du kannst feiern, machen, was du willst. All das ist weggefallen.“

Das sei „natürlich ein kleiner Aspekt m Vergleich zu einer großen Pandemie“, schränkt Werner ein, aber dafür „sehr prägend für einen jungen Menschen.“ Es sei wichtig, nicht zu vergessen, dass es Corona-Jahrgänge geben könnte, die mehr von Arbeitslosigkeit betroffen sind oder schlechter ins Berufsleben starten.

 

Die Probleme der Älteren

Reiterer wechselt jetzt zu den Problemen der älteren Generation, der Sterblichkeit. Nur acht Prozent der Infektionsfälle, seien älter als 74 Jahre, allerdings machen die über 74-Jährigen 79,1 Prozent der Todesfälle aus.

Kolland hält das Konzept der „inversen Quarantäne“ für problematisch. Wenn man nur die Älteren schütze, nehme man andere aus diesem starken Distanzieren heraus. Es sei schon „ein Zusammenhalt von allen“ erforderlich, hier gibt er Schröcksnadel recht.

Reiterer bringt ein anderes Argument ein. Viele würden sagen, die Älteren sollen sich mehr schützen, damit die Kinder in die Schule gehen können.

Die angesprochene Erkurt will aber noch etwas zu den Zahlen sagen. Es gelte, nicht nur das Alter zu berücksichtigen. „Es trifft die Ärmeren am stärksten“, sagt sie. „An Brennpunktschulen sind die Zahlen viel höher.“

Eltern von ärmeren Schülern hätten überwiegend Berufe, die nicht zu Hause verrichtet werden können, „sie leben in beengten Wohnräumen, auch oft mit der Oma zusammen, auf die sie auch aufpassen müssen, wenn sie sie nicht anstecken wollen.“

„Wenn es für die Gesundheit das wichtigste ist, die Schulen zu schließen, dann begrüße ich das“, sagt Erkurt. Die Frage sei nur, wieso seit März keine besseren Konzepte erstellt werden konnten. Insofern sei der Konflikt Ältere gegen Jüngere auch in diesem Bereich eine „Auslagerung des Konflikts“.

 

Keine Angst vor den Jungen

„Ich will gar nicht geschützt werden“, platzt jetzt Schröcksnadel wieder von seiner Tiroler Außenstelle herein. „Und ich habe keine Angst vor den Jungen.“

Man müsse aber eines zur Kenntnis nehmen: „Vor 40 Jahren ist man mit 60 gestorben, heutzutage zwischen 70 und 90. Ob an Herzinfarkt, an Krebs oder an Corona – das ist das Alter, wo man irgendwann gehen muss.“

Erkurt, fast schockiert: „Das ist ein bisschen verharmlosend.“

Schröcksnadel: „Das ist so. Da sterb’ ich lieber an Corona als an Krebs, wo ich drei oder fünf Jahre leiden muss.“

Anders sei es in den Altersheimen, meint Schröcksnadel. Wenn man schwer krank ist, könne man sich selber nicht mehr schützen.

Wir überlegen kurz. Im Umkehrschluss hieße das: Jeder, der älter ist, aber die Möglichkeit hat, sich zu schützen, und trotzdem an Corona stirbt, ist selbst schuld. Wie sieht in diesem Fall dann der Selbstschutz aus, bliebe dann nicht ausschließlich Selbstisolation?

Egal, wir hören noch Lohners Theorie, warum die Menschen in den Altersheimen sterben: Weil sie, wenn sie geschützt werden müssen, „keine Zuwendung mehr bekommen. Weil sie niemand mehr in den Arm nimmt.“

Es wird jetzt immer verwirrender.

Chef-Virologe Schröcksnadel sagt: „Ich sehe das anders“, obwohl er Lohner eigentlich recht gibt. „Natürlich sollen die besucht werden, aber sie sollen davor geschützt werden, dass die Krankheit hineingetragen wird.“

Es seien nicht die Verwandten, die die Krankheit hineinbringen, ist Schröcksnadel überzeugt, sondern das Personal, „wenn ich höre, dass K1-Personen arbeiten müssen.“ Es müsse mit guten Tests doch möglich sein, „dass das Personal nicht krank wird und die alten Menschen betreut.“

Die Reihenfolge von Infektion und (positiver) Testung wird hier etwas außer Acht gelassen.

Die jüngeren Menschen, die ins Altersheim kommen, müssten die Möglichkeit haben, mit einer vorigen Testung, hineinzugehen, fordert Schröcksnadel. „Ich bin total dagegen, dass die nicht besucht werden. Aber wir hätten den ganzen Sommer die Möglichkeit gehabt, uns darauf vorzubereiten.

Lohner: „Wer wir?“

Schröcksnadel: „Natürlich die Regierung!“

Lohner: „Wenn man einen Menschen nicht berührt, wenn man ein Baby nicht berührt, dann stirbt es. Berührung ist gut für das Immunsystem, das ist gut für die Zellen!“

Schröcksnadel fühlt sich falsch verstanden.

Kolland bestätigt: Stress erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Immunität sinkt und damit wird man anfälliger für Krankheiten, nicht unbedingt nur für Corona, sondern auch für andere Krankheiten.

Auch Werner hält es für logisch, dass vor dem Besuch in Altersheimen Schnelltests gemacht gehören. Auch in den Schulen würden Konzepte fehlen. Ihm sei berichtet worden, dass Schüler mit 25 Leuten praktisch ohne Schutz in der Klasse sitzen. „Das einzige Konzept ist, dass sie alle 15 Minuten lüften.“

„Eine Maturantin, mit der ich Kontakt habe, weiß nicht, wie sie das Jahr erfolgreich bestreiten soll“, es fehle einfach viel Schulzeit. Und hier, wie auch in anderen Bereichen, würden Konzepte fehlen.

Lohner: „Die Gesundheit ist zwar auch wichtig, aber ich erlebe immer wieder, dass der Schwerpunkt der Krise die Wirtschaft ist. Da lässt man viele Menschen einfach außen vor. Hier scheint jetzt etwas auf, was immer schon da war: die Freunderlwirtschaft.“ Auch in diesem Bereich fehle Empathie.

 

Chinesen und Japaner

Kolland sagt, „Corona ist in vielerlei Hinsicht ein Brennglas, es werden Dinge sichtbar, die in der Gesellschaft vorhanden sind. Zum Beispiel ein problematisches Bild gegenüber dem Alter. Hätten wir da eine differenzierte Sicht und hätten wir das Alter gut integriert in die Gesellschaft, dann würden manche Probleme nicht auftauchen.“

Lohner: „Alt ist schön und toll für Bilder, für Autos, für Schmuck, aber für Menschen ist es pfui.“

„… und bei Chinesen und Japanern!“ sagt Schröcksnadel.

Reiterer: „Wie meinen Sie das?“

Schröcksnadel: In China und in Japan sei „ein alter Mensch einer, der weise ist …“

Chris Lohner: „Aber wir sind in Österreich.“

Und es ist auch festzuhalten, dass Weisheit nicht allein mit dem Alter wächst.

Denn Schröcksnadel fährt fort: „Die Zahlen sind ja nicht so hoch. Wenn ich heute überlege, wie viele jeden Tag an Krebs sterben, an Herzinfarkt, an sonstigem Herz-Kreislauf-Versagen, dann ist Corona untergeordnet.“

„Na und die Grippetoten jedes Jahr?“ sagt Lohner.

Reiterer greift ein: „Da muss man dazu sagen: Mit der Grippe kann man es wirklich nicht vergleichen. Heute sind 60 gestorben, die vergangenen Tage mehr als hundert …“

Schröcksnadel: „Darf ich fertig ausreden, Frau Lohner, Frau Lohner!“

Reiterer: „Nein, Reiterer!“

Schröcksnadel bricht in Tirol fast lachend zusammen.

Die Moderatorin muss auch schmunzeln, spricht sich aber noch einmal gegen Verharmlosung aus.

Lohner: „Aber es gibt jedes Jahr Grippetote, über die nicht gesprochen wird.“

Wir halten fest: Das Wort Grippe sorgt im Zusammenhang mit Corona nur für Verwirrung und ist am besten zu streichen.

Schröcksnadel habe immerhin „einen Riesenrespekt vor dieser Krankheit“ und will diese nicht bekommen. Aber an anderen Krankheiten würden viel mehr Leute sterben, bekräftigt er.

Was natürlich vollkommen außer Acht lässt, dass es ja Gegenmaßnahmen gibt. Gäbe es die nicht, würde die Totenstatistik in den Spitälern ganz anders aussehen.

Aber auch das stört den Sportfunktionär: „Wenn man jeden Tag liest, wie viele sind gestorben, wie viele sind gesund geworden. Das ist ja wie im Sport, wenn man Resultate herunerliest, das ist einfach übertrieben.“

Erkurt findet das „etwas verharmlosend“, auch das Gesundheitspersonal und Angehörige von Verstorbenen würden das wohl nicht so sehen. Auch befürchte sie, dass jüngere Zuseher den Eindruck bekommen könnten: „Na, ist eh nicht so schlimm.“

Schröcksnadel: „So hab ich das aber nicht gemeint, bitte!“

Erkurt: „Aber es klingt so.“

Reiterer fragt die Jüngeren, Erkurt und Werner, ob es Möglichkeiten gebe, digital generationenübergreifend etwas zu machen in der Schule.

Die Ältere, Chris Lohner, fährt dazwischen: „Aber das machen ja eh die Künstler für die Jungen.“

Erkurt darf dann doch sprechen: Es gebe ein Lockdown-Tagebuch, das Schüler geschrieben haben und das Einkaufen für Ältere.

Werner sagt, dass es an Dialog fehle. Im Sommer habe es viele Initiativen von Jungen gegeben, Kreativität auszuleben. „Die haben versucht, im Sommer Spaß zu haben. Da hat man sich dann wieder beschwert, dass die Jungen angeblich am Donaukanal so laut singen und Bier trinken würden.“

 

Schröcksnadel und Kroatien

Kolland spricht vom Sündenbock-Problem: „Die Sündenböcke entstehen immer dann, wenn man den anderen zu wenig kennt. Dann sucht man jemanden, den manzum Sündenbock stempeln kann.“ Daher seien „intergenerationelle Initiativen“ wichtig.

Man habe sehr von oben herab mit den Jungen gesprochen, sagt Werner.

Chris Lohner: „Ich kämpfe für die Jungen.“

Werner zitiert einen sommerlichen Tweet von Gesundheitsminister Anschober, dass sich die jungen Menschen „zusammenreißen“ sollen.

„Da denken wir uns, bitte warum sollen wir uns das gefallen lassen?“ sagt Werner. Man dürfe sich nicht wundern, wenn dann Konflikte entstehen.

Schröcksnadel: „Ich war auch in Kroatien auf Urlaub.“

Der Schlurf ist entweder eine Frisur mit langen Nackenhaaren oder ein rebellischer Jugendlicher. Man darf sich aussuchen, welchen „Schlurf hinten“ Schröcksnadel gemeint hat.

Dieser Text erschien zuerst am 23.11.2020 im KurierEr wurde von Peter Temel geschrieben und ist weiterhin abrufbar.


Der Standard: Lohner und Schröcksnadel bei „Im Zentrum“: Wilde Hummel trifft wilden Hund

Bei der Diskussion ging es aber nicht nur um Corona-Verharmlosung und Tiervergleiche, sondern auch um den Generationenkonflikt.

Als hätten wir es nicht längst geahnt: Chris Lohner war eine „wilde Hummel“. Und auch als „wilde Hummel“ im Ruhestand könne sie die Bedürfnisse der Jungen sehr gut nachvollziehen, sagte die 77-Jährige am Sonntag bei „Im Zentrum“ und erkannte in ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel keinen Ex-Artgenossen: „Sie waren sicher keine wilde Hummel.“ Der Angesprochene bestätigte Lohners Hummelblick und sagte: „Ich war ein wilder Hund mit einem Schlurf hinten.“

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Einmal ein wilder Hund, immer ein wilder Hund: Peter Schröcksnadel hat zwar „großen Respekt“ vor Corona, aber keine Angst. Das Hauptproblem sei nicht die Krankheit per se, sondern die Angstmache der Regierung. „Man übertreibt sehr stark“, findet Schröcksnadel. Wenn jeder auf den anderen Rücksicht nehme, könne uns nichts passieren. Die Angehörigen der knapp 2500 Corona-Toten in Österreich könnten das anders sehen.

 

Politik spalte

Bei der Diskussion in ORF 2 ging es aber nicht nur um Corona-Verharmlosung und Tiervergleiche, sondern auch um die Frage, ob das Virus den Generationenkonflikt befeuere. Und hier lohnt es sich, Lohner zuzuhören. An der Spaltung zwischen Jung und Alt sei die Politik schuld, die auseinanderdividiere statt zu einen. Sie wünsche sich mehr Empathie. Politiker seien schließlich ihre Angestellten: „Ich zahle sie mit meinen Steuern.“

Die Ängste der Jungen müssten endlich ernst genommen werden, fordert Maximilian Werner. Der 18-Jährige plädiert für Kommunikation auf Augenhöhe statt mit erhobenem Zeigefinger. Und die Autorin und Ex-Lehrerin Melisa Erkurt bricht die Debatte auf die entscheidende Frage herunter: „Wo bleibt die Solidarität?“ Vor allem mit den Ärmsten. Ja, wo?!

 

Dieser Text erschien zuerst am 23.11.2020 im StandardEr wurde von Oliver Mark geschrieben und ist weiterhin abrufbar.

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