Ein 18-jähriger Zivildiener freut sich auf Twitter, dass er seine 2. Corona-Impfung bekommen hat und wird von manchen Leuten deswegen allen Ernstes beschimpft und untergriffig angegangen. Ja, derzeit darf man auch nicht als jemand, der in der Corona-Test- und Impfstraße seinen Dienst für unsere Gemeinschaft leistet, etwas Freude zeigen. Das musste Maximilian Werner aus Feldkirch – die Leserschaft kennt ihn als Journalisten der „VN“– vergangene Woche lernen. Anstatt sich mitzufreuen, neidet man dem jungen Mann sein Glück. Und ewig blöken die Neidhammel.

Die Pandemie holt leider nicht das Beste aus dem Menschen heraus. Der Neid wächst umso stärker, je länger die Impfstoff-Lieferungen auf sich warten lassen. Und der nur zu verständliche große psychische Druck, der auf vielen wegen des Lockdowns und der geschlossenen Gesellschaft lastet – was wird aus meiner Freiheit, aus meinem Geschäft, aus meinem Job? – kann den Menschen wohl ohne erste vorsichtige Öffnungsschritte kaum genommen werden. (Ob diese am Montag beschlossen werden, war bei Redaktionsschluss noch nicht verkündet.)

 

Mit dem Neid umgehen

Es ist gerade der missgünstige Blick auf die anderen, der die Gemeinschaft jetzt mit zusätzlichem Konfliktstoff belastet. Laut Anthropologen prägt Neid das Zusammenleben bestimmter Affenarten seit sieben Millionen Jahren und hat damit auch die menschliche Entwicklung beeinflusst. Neid ist Teil unseres Emotionssystems, es gibt keine Kultur ohne Neid. Das größere Auto, das tollere Haus, die begabteren Kinder des oder der anderen – an sich ist der Neid Teil des menschlichen Alltags. Und obwohl er überall auftritt, gehört Invidia, der Neid, nach dem Katechismus der katholischen Kirche zu den sieben Todsünden und hat den schlechtesten Ruf unter seinen Mitsünden. Hochmut, Wollust, Habgier, Zorn, Trägheit oder Völlerei: Die anderen Sünden entspringen einem Lustprinzip, sind also auch positiv besetzt. „Unter den sieben Todsünden ist der Neid die einzige, die überhaupt keinen Spaß macht“, schreibt der amerikanische Autor Joseph Epstein in seinem Buch „Neid – die böseste Todsünde“.

Was könnte man gerade jetzt tun, damit die Missgunst rund um die Corona-Impfung und die vermeintlichen Privilegien anderer die Gesellschaft nicht noch weiter auseinandertreiben? Eine Gemeinschaft, die ohnehin von allen Seiten unter Druck steht? Der Psychologe Ulf Lukan hat mir das im Zuge einer Recherche einmal so erklärt: „Grundsätzlich hilft uns die Selbstreflexion und Auseinandersetzung mit der eigenen Unvollkommenheit – es wird uns immer etwas fehlen.“ Vielleicht eine Möglichkeit, mit den Neidgefühlen konstruktiver umzugehen, wenn sie sich wieder einmal regen.

 

Dieser Kommentar erschien zuerst am 02.02.2021 in den Vorarlberger Nachrichten. Sie wurde von Julia Ortner geschrieben und ist weiterhin abrufbar.