FM4-Kolumne, No. 1: Aller Anfang ist schwer. Oder so.

Ich möchte euch mitnehmen auf einen meiner ersten Tage in Wien. Kurz nach unserem Umzug treffe ich mich wieder mit einigen Freund*innen aus Vorarlberg. Wir wollen etwas essen gehen, den Start in das Studium und in die neue Stadt feiern.

In der U-Bahn kennen wir uns noch nicht ganz so gut aus, also brauchen wir auf der Rolltreppe etwas länger. Und schon im nächsten Moment wird eine Freundin von hinten angerempelt – sie stand auf der linken, der falschen, Seite: „Heast, Schleich di!“, bekommt sie zu hören.

ine halbe Stunde später sitzen wir im Restaurant, bestellen ein gutes Bier und ein Soda Zitron, freuen uns auf eine gute Zeit. Plötzlich fragt uns der Kellner: „Seids ihr Vorarlberger oder Schweizer?“. „Studenten aus Vorarlberg“, antworten wir pflichtbewusst, in der Hoffnung, jetzt auf einen Schnaps eingeladen zu werden – auf die Freundschaft, oder so. Doch wir werden gefragt, seit wann wir schon in der Stadt seien – „Seit einer Woche“. „Aha“, sagt der Kellner: „Und wann geht’s ihr wieder?“. Hach, endlich durften wir den bekannten Wiener Charme aus nächster Nähe erleben.

Vor diesem berühmt-berüchtigten „Wiener Charme“ hat man mich zuhause in Vorarlberg einige Male gewarnt. Dennoch wollte ich diesen, im Gegensatz zu vielen Kolleg*innen aus der Maturaklasse, die sich für ihr Studium Innsbruck als Destination aussuchten, aus nächster Nähe erleben. So stürze ich mich in das erste Semester der Politikwissenschaft und der Rechtswissenschaften und freue mich, euch an dieser Stelle regelmäßig – unter anderem vom Alltag an der Universität – berichten zu dürfen. Ich komme aus Feldkirch, wohne jetzt im Studentenheim und arbeite als Journalist.

Im Allgemeinen sind die Unterschiede zwischen Wien und Vorarlberg nicht nur auf den ersten Blick enorm. Klar, Wien ist fünfmal größer als das westlichste Bundesland. Klar, in vielen Teilen des Ländle muss man ab 20 Uhr gar nicht mehr versuchen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause zu kommen. Und natürlich werden in Feldkirch jeden Abend die Gehsteige hochgeklappt.

Die viel subtileren Unterschiede fallen mir als „Zuagraster“ auf – so sagt man hier, glaube ich -, wenn ich ganz normal durch die Straßen Wiens schlendere. Wenn ein bisschen (also sehr viel) Wind geht, wenn Sonntagmorgen noch nicht allzu viele Menschen unterwegs sind, kann es mir dann schon passieren, dass mir ein „Seas!“ (Vorarlbergerisch für „Servus!“) rausrutscht. So wie ich das in Vorarlberg 18 Jahre lang gemacht habe – also dort, wo man schief angeschaut wird, wenn man auf der Straße niemanden grüßt. In Wien ist etwas eher umgekehrt: Die schiefen Blicke sind mir beim freundlichen Gruß sicher.

Auch sprachlich sind die Hürden noch groß, nicht nur, weil ich manche Schimpfwörter noch nicht verstehe, auch weil man sich selbst noch nicht verstanden fühlt. Da kann man in der Online-Übung noch so gut versuchen, sein schönstes Hochdeutsch auszupacken, wird aber dann doch aufgefordert, alles dreimal zu wiederholen: „Herr Kollege, Sie sprechen mir etwas zu lässig.“ Auch die „Klickgeräusche“, die wir mitbringen würden (was auch immer die sein sollen), haben schon einige Male für Verwirrung gestiftet – sicherlich am öftesten musste ich deswegen die Frage beantworten, ob ich nicht doch aus Tirol stamme. In den nächsten Monaten und Jahren möchte ich also jedenfalls mit diesem Mythos aufräumen – das wird zu schaffen sein, hoffentlich. Ich freu mich auf Wien.

 

Dieser Text erschien zuerst am 05.11.2021 bei FM4-Online und ist weiterhin hier abrufbar.

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